Gemeindeerkundungen

Autor: Karsten Dittmann (Seite 1 von 4)

Tag 35: Glaube, der ansteckt (Predigt)

„Denken, das ansteckt“, so lautet das Motto der PhilCologne in diesem Jahr. Die PhilCologne ist eine Art Kölner Kirchentag der Philosophie. Kein Fachkongress, sondern eher ein Festival. 2020 wurde die PhilCologne wegen Corona vom Juni in den September verschoben. WDR5, einer mit Mitbetreiber der PhilCologne, hat daraufhin an einem Samstag im Juni sein Programm umgestellt und 10 Stunden lang mit Gästen und Hörer:innen unter der Überschrift „Denken, das ansteckt“ philosophiert. Der Titel spielt mit dem ansteckenden Virus, lässt sich davon aber nicht ins Bockshorn jagen: Wir machen uns Gedanken,
die lohnend sind weiter zu sagen.

„Denken, das ansteckt“, dieses Motto lässt sich übertragen auf unseren Auftrag als Christen. Die Pfingstgeschichte handelt davon, wie Glaube ansteckend sein kann. Die Glaubensgedanken, die Petrus teilte, verbreiteten sich in Windeseile um die Welt. „Ein Glaube, der ansteckt“, den sollen wir als Christen leben und davon weitersagen.

Das Wort „anstecken“ hat seine Grundbedeutung darin, sich etwas mit einer Nadel anstecken, was dann haften bleibt. Allerdings scheint der christliche Glaube seine frühere, ansteckende Kraft verloren zu haben. 2019 sind über eine halbe Millionen Menschen aus den beiden großen Kirchen ausgetreten, erstmals seit 2010 mehr Katholiken als Protestanten. Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack sieht für die Austritte zwei Hauptursachen:

  1. Der christliche Glaube wird nicht weitergegeben. 70% der über 70jährigen sagen: Ich bin religiös erzogen worden. Nur 30% der unter 25-jährigen sagen das von sich. Und es sind vor allem die Jungen, die austreten.
  2. Kirchen verlieren an Relevanz. Zwar mischen sich die Kirchen immer wieder in öffentliche Debatten ein, aber sie werden dabei fast nur noch als moralische Stimme wahrgenommen, und zwar als eine Stimme unter vielen.

Bis 2060 rechnet die EKD damit, dass die Mitgliederzahl wird sich im Vergleich zu heute halbieren werden. Die einen stecken sich christlichen Glauben nicht mehr sichtbar ans Revers, bei anderen perlt er ab und bleibt nicht haften. Christlicher Glaube hat seine ansteckende Kraft verloren.

Wenn dein Kind dich morgen fragt, was denn so wichtig an christlichem Glauben ist, was würdest du denn antworten? Theologische Richtigkeiten wie „Gott hat die Welt erschaffen“ oder „Jesus ist für uns gestorben“ oder „Jesus lebt“?  Oder würdest du auf die Zehn Gebote als Lebensregeln verweisen? „Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ ist ein Teilsatz aus der Bibel (Dtn 6,20). Der Kirchentag in Hannover 2005 stand unter diesem Motto. Fritz Baltruweit hat ein Lied dazu geschrieben und stellt darin zentrale Glaubensfragen:

Welcher Lebenstraum sagt, wofür wir leben wollen?
Welcher Lebensraum sagt, warum wir glauben können?
Welches Lebensziel sagt, wie wir handeln sollen?

Mich erinnert mich das an Kants berühmte philosophische Grundfragen: „Was können wir wissen? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir tun? Was ist der Mensch?“ Als Christen müssen Antwort geben können auf ähnliche Fragen, um sagen zu können:

Wofür leben wir?
Warum glauben wir?
Wie sollen wir handeln?
Was heißt christlich glauben?

Wenn dein Kind dich morgen fragt und du würdest klar und deutlich antworten – vielleicht wäre unser Glaube deutlich ansteckender als im Moment, wo viele von uns im Blick auf den Glauben sprachlos geworden sind.

Paulus hat einen ansteckenden Glauben gelebt. Eine seiner Antworten passt gut zu unserer Friedens-Kirchengemeinde: Lebt den Frieden! Lebt Shalom!

„Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Denkt Gutes über alle Menschen. Soweit an euch liegt, haltet Frieden mit jedermann. Rächt euch nicht selbst, ihr Lieben! Überlasst es Gott zu strafen, wenn er will. Die Schrift sagt: „Die Rache ist mein. Ich will vergelten.“ Hungert deinen Feind, so speise ihn. Dürstet ihn, gib ihm zu trinken. So kannst du ihm helfen, Reue zu empfinden über sein Tun. Lass dich nicht bestimmen vom Bösen, sondern siege über das Böse, indem du das Gute dagegenstellst.“

Römer 12,17-21 Zink-Bibel

Gestern habe ich mich ein wenig mit der Gemeindekonzeption der Friedens-Kirchengemeinde befasst: Darin heißt es: Mitte unserer Gemeinde ist Jesus Christus. Und das ist zweifellos richtig. Aber was heißt das konkret? Welches Tun folgt daraus, wenn z.B. das Presbyterium Entscheidungen treffen muss, angesichts knapper werdender Mittel?

Die Gemeindekonzeption ist vor acht Jahren entstanden. Ich weiß nicht, welche Diskussionsprozesse damals zu dem Ergebnis führten. Ich frage mich nur heute: Wäre nicht gerade „Frieden“ ein Leitwort, das perfekt zu unserer Friedens-Kirchengemeinde passen würde? Für mich ist es eines der wichtigsten Leitworte unserer jüdisch-christlichen Tradition. Frieden/Shalom, das ist mehr als die Abwesenheit von Krieg und Streit. Frieden ist eine Lebenshaltung. „Ich gebe euch Frieden“, sagt Jesus und fordert uns auf: „Seid Friedensstifter!“ Paulus sagt: „Soweit es an euch liegt, lebt in Frieden mit allen.“ Und das letzte Wort im Gottesdienst stellt uns als Gesegnete in Gottes Frieden. Ich fänd es großartig, wenn Friedens-Kirchengemeinde für diese Lebenshaltung stehen würde, dass wir Frieden leben und weitertragen.

Natürlich ist das Wort vom Frieden ist nur ein kleiner Baustein unserer Kirche. Die Zukunft des Glaubens hängt davon ab, ob unser Glaube insgesamt Antworten bereithält für das Leben hier und heute. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat kürzlich im Gespräch mit dem Deutschlandfunk die Anspruchslosigkeit von Predigten heute beklagt und gefordert, Pfarrerinnen und Pfarrer sollen mehr vom Jenseits und Leben nach dem Tod reden. Ich halte das für großen Unfug. Nein, wir müssen vom Hiersein reden, von einem Leben, das vom Tod weiß und sich doch nicht Angst machen lässt. Und wir müssen Reden in einer Sprache und mit Bildern, die Menschen von heute verstehen. Dabei sind es nicht die Pfarrerinnen und Pfarrer allein. Wir alle sind gefordert verständlich und konkret sagen zu können:

Wofür leben wir?
Warum glauben wir?
Wie sollen wir handeln?
Was heißt christlich glauben?

Jede dieser Fragen ist eine eigene Predigt wert – und das wird auch passieren. In den nächste vier Wochen gehe ich am Sonntag jeweils einer dieser Fragen nach. Ich werde keine kompakten Anworten geben, die sie akkurart verstauen können. Ich werde vielmehr versuchen, mit Ihnen gemeinsam Antworten zu ertasten. Für heute schließe ich mit einem Friedenswunsch: Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Tag 34: Was ist das Zentrum?

In mehreren Gesprächen in den letzten Tagen ging es um die Frage, ob Gremmendorf und Angelmodde ein Zentrum haben und ob das Gemeindehaus der Friedens-Kirchengemeinde so ein Zentrum sein kann. Die meisten sagten, dass ein solches Zentrum fehlt. Viele würden sich dann doch zur Stadt hin orientieren. Manche meinten, dass in Zukunft das York Quartier mit dem Bürgerhaus und den Einkaufsmöglichkeiten so ein Zentrum werden könnte. Ich habe mich gefragt: Was ist eigentlich das Zentrum unserer Gemeinde? Ein guter Anlass, nochmal in die Gemeindekonzeption zu blicken.

Weiterlesen

Tag 33: Auf dem Waldfriedhof

Die erste Beerdigung in Münster führte mich heute auf einen Friedhof, den ich noch nicht besichtigt, aber von dem ich schon einiges gehört hatte: den Waldfriedhof Lauheide. Er liegt nordöstlich von Münster hinter Handorf. Kommunal gehört das Areal zwar zu Telgte und zum Kreis Warendorf, aber das Land hat die Stadt Münster bereits 1929 erworben, um dort einen neuen Friedhof zu errichten. Die kurze Stipvisite zeigte: Der Friedhof gehört nicht ohne Grund zu den schönsten Friedhöfen Deutschlands.

Weiterlesen

Tag 32: Blick in die Zeitung

Heute morgen lagen zum ersten Mal die Westfälischen Nachrichten bei mir auf dem Tisch. Im Moment habe ich ein Probe-Abo der Regionalausgabe für Münster, Hiltrup, Amelsbüren, Wolbeck und Angelmodde. Zeitunglesen gehört für mich als Person zum Frühstück dazu. Und als Pfarrer möchte ich gerne informiert sein über das, was in der Stadt passiert, in der ich lebe und arbeite. Klar, dass ich auch das ePaper lese, aber zum wirklichen Lesegenuß gehört für mich Papier. Heute bin ich also erstmals bei einer Tasse Tee durch die hiesige Zeitung geschlendert. Da traf es sich ganz gut, dass ich am Nachmittag einen Termin in der Lokalredaktion der WN in Hiltrup hatte.

Weiterlesen

Tag 31: In der Nachbarschaft

Von der St. Mauritz-Kirche war gestern schon einmal kurz die Rede. Heute war ich im Stadtteil St. Mauritz, dem ehemaligen Kirchspiel der katholischen Pfarrkirche, unterwegs und habe den Kollegen Moritz Gräper von der Auferstehungs-Kirchengemeinde besucht. Dabei habe ich mehr über die Auferstehungsgemeinde, die Kirche selbst und über die andere Seite der Arbeit von Moritz Gräper als City-Kirchen-Pfarrer erfahren.

Weiterlesen

Tag 30: Vom Stutenbernd bis zur Preußenunion

Die evangelische Geschichte von Münster ist lang und verwickelt. Sie fängt an mit „Stutenbernd“. Das war der Spitzname von Bernd Rothmann, der ursprünglich Prediger an St. Mauritz war. Er sympathisierte mit der Reformationsbewegung und hat dabei Kontakt zu unterschiedlichen Strömungen gehabt. Weil er zum Abendmahl Brot aus Hefeteig verwendete, kam er zu seinem Spitznamen. Besonders die eigentlich recht friedfertige Täuferbewegung hatte es ihm angetan, aber in den Jahren 1532/33 radikalisierte sich die Bewegung in der Auseinandersetzung einerseits mit den Lutheranern andererseits mit dem Bischof.

Weiterlesen

Tag 29: Brummende Nachbarschaft

Die Wahrnehmung ist eine merkwürdige Sache: Solange etwas durch das Wahrnehmungsraster fällt, existiert etwas für einen selbst gar nicht – bis die Aufmerksamkeit hergestellt ist. Bekanntes Beispiel: Wenn ein Paar erfährt, dass es Eltern wird, sieht es ab sofort überall Schwangere und Kinderwagen. Bei uns sind die Laster der Westfalen AG. Irgendwann während des Umzugstags sprachen die Mitarbeiter des Umzugsunternehmens von den Lastern der Westfalen AG, die dauernd am Pfarrgarten vorbei fahren, als wäre irgendwo ein Nest. Seitdem sehen wir die Laster auch, und seit meinem ersten Erkundungslauf weiß ich auch, dass die Firma gerade mal 400 m von uns entfernt ist.

Weiterlesen

Tag 28: Wer ist Gott wie du? (Predigt)

Wir leben in einer unversöhnten Welt – das merkt man vor allem daran, dass Menschen einander die Pest an den Hals wünschen. Petra Bahr, Regionalbischöfin in Hannover hat neulich getwittert: „Die, die mir wortreich erklären, warum die Pandemie eine Strafe Gottes ist, zählen sich nie zu denen, die eine Strafe treffen sollte.“ In der Tat gibt es die dubiosesten Erklärung von bestimmten Christen im Internet: Die Pandemie sei eine Strafe für Feminismus, für Homosexualität, oder gleich die ganze liberale westliche Welt. Warum die meisten Opfer ältere Männer sind, warum Corana weltumspannend wütet und warum es mehrere besonders fromme Kirchen und Gemeinden traf, wird nicht erklärt. Die einfache Antwort: Weil Corona eben keine Strafe Gottes ist.

Weiterlesen

Tag 27: Ein offenes Haus

Am Vormittag haben wir erneut die Öffnung des Gemeindehauses in Angriff genommen. Erste Vorüberlegungen hatten wir schon an Tag 5 angestellt, wobei ich einiges mehr über die Gemeindegruppen erfahren habe. Heute stand für mich mehr das Haus selbst im Blick. Wenn von „Raum 2“ und „Raum 5“ die Rede ist, bekomme ich langsam eine Vorstellung, welcher Raum gemeint ist.

Weiterlesen

Tag 26: Ein Date mit KirA

Heute hat ich ein Date mit KirA. Nein, nicht mit Kira, meiner (Ex-)Vikarin, sondern mit KirA. KirA ist die Abkürzung für „Kirchlicher Arbeitsplatz“. KirA ist ein wichtiges Werkzeug für das kirchliche Meldewesen, man kann auch sagen: die Gemeindegliederverwaltung. Hier wird das digitale Kirchbuch geführt, d.h. es werden Taufen, Trauungen und Beerdigungen erfasst. KirA dient zur Erfassung und Auswertung der kirchlichen Statistik. Es ist natürlich spannend zu sehen, wie die Friedens-Kirchengemeinde in Zahlen aussieht.

Weiterlesen
« Ältere Beiträge

© 2020 Notiznehmen

Theme von Anders NorénHoch ↑