Wenn morgens der Wecker klingelt, dann sind die einen sofort wach und hüpfen munter aus dem Bett. Die anderen drehen sich nochmal rum – „Nur noch fünf Minuten!“ – und quälen sich eine halbe Stunde später aus den Federn. Während bei den einen der Kopf sofort ganz klar ist, fühlen andere sich wie in Watte einpackt: alles ist trübe und dumpf. Ohne einen halben Liter Kaffee geht gar nichts. – Und dann stellt sich nach dem Aufstehen noch die Aufgabe, wach zu bleiben. Was für ein Morgentyp sind Sie?

Eine Video-Andacht zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

Aufwachen und Aufstehen ist ein faszinierender Vorgang. Im christlichen Glauben spielt es sogar eine zentrale Rolle, wenn nämlich die Rede ist von Auferweckt werden und Auferstehen. Jeden Sonntag feiern wir, dass Jesus auferweckt wurde und wir täglich neu mit ihm geistlich auferstehen. Paulus fordert deshalb in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki: „Hört auf zu schlafen! Seid wach und nüchtern!“ Es ist ein Aufruf zu einem putzmunteren und hellwachen Glauben, ein Aufruf zu christlicher Achtsamkeit.

Der Tag des Herrn kommt unerwartet wie ein Dieb in der Nacht. Gerade sagen die Leute noch: „Wir leben in Frieden und Sicherheit!” Da wird das Verderben ganz plötzlich über sie hereinbrechen – so wie bei einer schwangeren Frau plötzlich die Wehen einsetzen. Dann gibt es kein Entkommen.
Brüder und Schwestern! Ihr lebt nicht im Dunkel. Deshalb wird der Tag des Herrn euch nicht überraschen wie ein Dieb. Denn ihr seid alle Kinder des Lichts und Kinder des Tages.
Wir gehören nicht zum Bereich der Nacht oder der Dunkelheit. Wir wollen also nicht schlafen wie die anderen. Wir wollen vielmehr wach und nüchtern sein!

1. Thessalonicher 5, 1-6 (Basisbibel)

Wach und nüchtern sein – das ist nötig, um den Augenblick, in dem ein neuer Tag beginnt, mit vollem Bewusstsein wahrnehmen. Das deutsche Wort „nüchtern“ stammt aus der Welt der Klöster. Die Mönche gingen frühmorgens zum Gebet, ohne gegessen oder getrunken zu haben. Sie kamen aus der Nacht (griech. nyx, lat. nox) und gingen mit wachem, nüchternem Geist in den neuen Tag.

Ich erinnere mich, wie wir uns früher am Ostermorgen getroffen haben. Während eines Gangs über mehrere Stationen mit Gebet und Gesang ging langsam die Sonne auf. Solche Momente sind ergreifend. Der frühe Morgen ist die Stunde der Hoffnung. Ich weiß nicht, was der Tag bringt. Aber freue mich darauf. Meine freudige Erwartung ist, dass es ein guter Tag wird.

Ein Lied aus der schottischen Iona-Abtei besingt diesen Augenblick:

Früh stehe ich auf,
und Christus ist bei mir.
Er ging durch die Nacht
und streute das Licht.
Er lebt und er lockt,
zu glauben und hoffen,
dass, was mich auch beugt,
mich niemals zerbricht.

Aus: Today I Awake (Eigene Übertragung)

Wach und nüchtern sein ist ein guter Vergleich für die Art, wie Christen die Welt und das Leben betrachten sollten. An einem Punkt widerspreche ich Paulus allerdings: Es gibt kein Leben ohne Dunkelheit. Die Schwarzweißmalerei von Nacht und Tag greift zu kurz. Das merkten die Menschen in Thessaloniki, als geliebte Menschen sterben. Da ist plötzlich der Schatten des Schmerzes und die Nacht der Trauer. Es gibt eben nicht nur den Tag und nur das Licht. In der Nacht sehen auch die Kinder Gottes grau. Mit Paulus gegen Paulus würde ich deshalb sagen: Lasst uns gerade in dunklen Zeiten wach und nüchtern sein. Wahrscheinlich ist das durchaus das, was Paulus eigentlich sagen will.

Der wache und nüchterne Blick ist ein realistischer Blick. Paulus warnt ja selbst vor denen, die sagen: „Alles ist friedlich und sicher.“ Nein, die Welt ist für viele kein friedlicher und sicherer Ort. Auch wir in der Festung Europa erleben das seit Jahren: Wirtschaftskrise. Terror. Klimakrise. Pandemie. Ganz plötzlich treten Risse auf im Bild unserer friedlichen und sicheren Welt. Wach und nüchtern sein meint deshalb: Sich nichts vorzumachen. Versuchen wir, die Dinge so zu sehen, wie sie sind: Nichts bleibt, wie es ist. Es gibt keine absolute Sicherheit. Frieden bleibt Sehnsucht und Traum. Das mit wachem Blick zu sehen, hilft nüchtern zu bleiben. Wir resignieren nicht enttäuscht, sondern sehen Möglichkeiten allem zum Trotz zu leben und zu handeln.

Früh öffne ich mich
dem Geist Gottes in mir
beim Beten und Tun,
in Mühsal und Rast.
Es atmet, was lebt,
den Geist steten Wandels:
Die Furcht wird zum Mut,
die Narbe verblasst.

Aus: Today I Awake (Eigene Übertragung)

Paulus warnt vor einem verschlafenen Glauben. Christliche Achtsamkeit geht mit wachem, nüchternem Geist in den Alltag. Glauben heißt, dass wir von Gott hier und heute und in Zukunft immer noch etwas erwarten. Um Gottes Spuren in der Welt wahrzunehmen, braucht es einen Geist, der nicht verschlafen ist, sondern putzmunter – und hellwach.